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“Normal” ist das neue Normal....?


Midsommer im Coronajahr. Aufatmen. Alles fühlt sich schon fast normal an. Heute sind in Deutschland noch etwa 6.000 Menschen mit Corona infiziert. So wenige, wie seit Mitte März nicht mehr. Ein einziger Mensch unter etwa Zwölftausend, der könnte mich möglicherweise infizieren – vorausgesetzt, ich werde ausgerechnet ihm heute begegnen.

Jetzt endlich wieder normal in die Kneipe, aber Adresse angeben. Und warten, bis ein Tisch zugewiesen wird. Abstand halten. Mundschutz anlegen, denn niemand soll infiziert werden. Schüler sind glücklich, Schule fällt meistens aus. Weil die anderen Kinder das Virus haben könnten. Also deswegen homeschooling. Vor dem Aldi anstehen, bis ein Einkaufswagen frei wird, an der Eisdiele genau an den aufgeklebten Strichen warten, bis man dran ist. Beim Rewe ordentlich anstehen, bis man rein darf, nur mit Wagen, Mundschutz nicht vergessen, vor der Postagentur anstehen, bis man das Paket abholen darf. Im Museum wunderschöne Kunstwerke anschauen. Aber vorher ein Zeitticket im Internet buchen, für einen Tag, eine Uhrzeit und Mundschutz dabeihaben. Gottesdienst am Sonntag ja, aber vorher telefonisch anmelden. Und Adresse hinterlassen. Und um Himmels Willen nicht singen. Ins Kino gehn? Geht nicht, die Kinos haben aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen. Egal. Dann Autokino. Oder noch besser Netflixen auf der Wohnzimmercouch. Ist fast so gut wie normal und wesentlich sicherer. Im Kino sitzt womöglich Corona neben mir. Urlaub? Lufthansa ist teuer gerettet worden, also wird sie auch wieder fliegen dürfen. Alles wirklich wieder fast normal.

Wieder Freunde treffen, ins Konzert gehen, Hochzeit, Jubiläum, Geburtstag feiern, spontan ins Kino und mit Popcorn um sich werfen, singen und tanzen, umarmen, trösten, lieben und Herzschlag fühlen, im Theater oder Kino laut lachen oder auch heimlich weinen, zur Schule gehen oder zur Uni. Mit anderen gemeinsam Neues entdecken, erforschen und auch lernen, Gefahren rational einschätzen, Wissen intelligent anwenden und Krisen nachhaltig lösen. Vor dem Monster im Dunkeln oder vor der zweiten Welle keine panische Angst haben müssen, wenn Monster und Welle noch gar nicht da sind. Fragen stellen dürfen und erklärt bekommen, warum etwas verboten ist, was vorher erlaubt war. Erst dann ist normal wieder normal. Erst dann.

Herdenimmunität ist, wenn 70% der Menschen infiziert waren. Herdenzufriedenheit ist, wenn 70% der Menschen denken, ist doch schon wieder gut, so wie es jetzt ist, und das bisschen Abstand und Mundschutz stört niemanden, Hauptsache, die Rente oder das Gehalt kommt sicher und die Kinder gehen gelegentlich wieder zur Schule. Aber da bleiben noch 30% Menschen übrig. Und das sind die, die ihren Job verloren haben, die auf Kurzarbeit sind und das Geld reicht nicht. Die keine Aufträge mehr haben, und kein Geld für die Krankenversicherung. Hungrige Menschen, die kein Essen von der Tafel holen können. Frauen und Kinder, die es in der Familie nicht mehr aushalten, aber nicht wissen, wohin flüchten. Väter und Mütter am Rande des Nervenzusammenbruchs, die neben homeoffice und Haushalt ihre Kinder betreuen müssen. Restaurants, Kneipen, die Clubs, die Theater, die Kinos, die nicht mehr wirtschaftlich arbeiten können, weil halb so viel Gäste rein dürfen, dafür aber die Kosten voll weiterlaufen. Musiker, die nicht mehr Musik machen. Schauspieler, die nicht mehr schauspielen, Sänger, die nicht mehr singen. Normal ist erst dann normal, wenn für alle, auch für diese Menschen, wieder Normalität einkehrt. .

 


mit nachdenklichen Grüßen



Helmut Seuffert


 

 

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..Herdenzufriedenheit ist, wenn
70% der Menschen denken, ist
doch schon wieder gut,
so wie es jetzt ist, und
das bisschen Abstand und
Mundschutz stört niemanden...