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Wahrheit oder Dichtung? Heute: Das Thema Wohnungsnot.



82,1 Millionen Einwohner hatte Deutschland im Jahre 1999. Von Wohnungsnot war damals keine Rede und die Welt war irgendwie mehr oder weniger in Ordnung. Zwanzig Jahre später, also im Jahr 2019 da ist die deutsche Bevölkerung auf 83 Millionen leicht angewachsen. Das entspricht einer Steigerungsrate von – schauen Sie genau hin: 0,00545%. Bundesweit kommen jährlich etwa 45.000 Menschen dazu. Auf Frankfurter Verhältnisse umgerechnet wären das knapp 400 Einwohner mehr jedes Jahr. Und jeder spricht über Wohnungsnot, über Enteignung von Wohnungsunternehmen und vom Bauen, Bauen, Bauen ohne Rücksicht auf Verluste. Da passt doch ganz offensichtlich etwas nicht zusammen.

Vor wenigen Wochen hatte eine Frankfurter Tageszeitung über Wohnungsnot berichtet am Beispiel eines Pärchens, das in Frankfurt Bornheim wohnt, wir nennen sie einfach einmal Lena und Leon. Sie haben einen befristeten Mietvertrag und der läuft in drei Monaten aus. Lena studiert und verfügt mit ihren Teilzeitjobs und der Unterstützung der Eltern zwischen 1500 und 1800 Euro, Leon macht eine Ausbildung in Darmstadt und ihm bleiben monatlich etwa 1500 Euro. Unser junges Paar hat damit im Monat zwischen 3000 und 3300 Euro zur Verfügung, ein Betrag, bei dem mancher Altenpfleger und manche Friseurin die Tränen vor Neid kommen. Aber unser junges Paar hat ein ganz fettes Problem. Es findet keine Wohnung. Weil nach deren Eindruck die großen Immobilienfirmen alles aufkaufen und zu hohen Preisen verhökern. Dabei haben die zwei nur gaaaaanz bescheidene Ansprüche. Bis auf eine einzige Ausnahme. Sie wollen nämlich „…unbedingt nach Bornheim oder ins Nordend ziehen“. Dort wohnen nämlich alle ihre Freunde.

Vielleicht hätte mal jemand Leon und Lena erklären sollen, dass sie ein ziemliches Luxusproblem haben. Jemand, der ihnen geduldig zeigt, dass man im Frankfurter Stadtgebiet bestens mit öffentlichen Verkehrsmitteln und mit Fahrradwegen vernetzt ist und man die Freunde im Nordend auch besuchen kann, wenn man selbst in Eckenheim oder in Fechenheim eine Wohnung findet, oder gar in Offenbach. Leon schafft es ja auch zu seiner Ausbildungsstelle nach Darmstadt zu fahren. Aber Wohnen? Nordend oder Bornheim muss es eben einfach sein. So wie für die eine ein Gucci-Täschchen wichtig ist und für den anderen seine Rolex Uhr. Und wenn sie da nichts kriegen, dann sind die bösen Wohnungsfirmen schuld. Enteignen sollte man dieses Pack! Sofort. Wir stampfen mal richtig mit dem Fuß auf. Das Recht auf Wohnung ins Grundgesetz! Jeder soll seine Wohnung da haben dürfen, wo er sie möchte. Freibier für alle. Goldene Wasserhähne.

Aber aus jedem Drama kann man auch wichtige Dinge lernen. Am Beispiel von Lena und Leon lernen wir, dass Wohnungsnot nicht heißt, dass es zu wenig Wohnraum gibt. Wohnungsnot heißt nur, dass nicht jeder genau da eine Wohnung kriegen kann, wo er unbedingt will. Aber es zeigt auch, wie fatal das Motto „bauen bauen bauen“ in der Praxis ist.
Denn würde Frankfurt links und rechts der A5 zubauen und den Pfingstberg bei Harheim auch noch, dann wäre unserem Vorzeigepaar gar nicht geholfen, denn da wollen sie überhaupt nicht hin. Aber dafür hätten wir landwirtschaftlich fruchtbare Ackerflächen und ökologisch wichtiges Grün versiegelt und beseitigt und doch leider kein einziges Problem gelöst, sondern nur neue geschaffen.

So schafft die Wanderungsbewegung der Menschen von strukturschwachen und ländlichen Regionen in die dicht besiedelten Trendstädte riesige neue Probleme. Dort wie hier.
Darum ist dieses „bauen, bauen, bauen“ in Frankfurt eine ganz dumme Idee. Mal abgesehen davon, dass die noch nirgendwo in der Welt wirklich funktioniert hat.
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Mit nachdenklichen Grüßen


Helmut Seuffert

 

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...Wohnungsnot heißt nicht,
dass es zu wenig Wohnraum gibt. Wohnungsnot heißt nur, dass nicht jeder genau da eine Wohnung kriegen kann, wo er unbedingt will....”