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Gib Geld aus und tue Gutes .....


„Deutschland rundet auf“. Dieses Schild sehe ich beim Einkaufen an der Kasse des „Alretto“ und es übt einen schwer auszuhaltenden moralischen Druck auf mein Gewissen und Geldbörse aus. Natürlich runde ich die € 1,74 für meine teure Ökomilch („von glücklichen Kühen“) auf den nächsten vollen Euro auf. Mit dem Geld werden schließlich die Chancen sozial benachteiligter Kinder und Jugendlicher verbessert, erfahre ich. Immerhin seien mehr als 2,5 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland von Armut betroffen. Dafür ist das Aufrunden eine total gute Sache. Erst auf dem Weg nach Hause kommen mir Zweifel. Warum eigentlich sind diese Kinder von Armut betroffen? Vielleicht auch deshalb, weil Mama an der Kasse vom Alretto nicht genug verdient?

Beim Hemd kaufen im Kimark soll ich gleich einen ganzen Euro mehr geben. Natürlich kommt auch das nur sozial benachteiligten Kindern zugute. So können die sich vielleicht auch endlich leisten bei Kimark einzukaufen und müssen nicht immer nur die ollen Sachen aus dem Second Hand auftragen. Weil Papa als Busfahrer zu wenig verdient. 

Und während ich abends vor dem Fernseher wegdämmere höre ich gerade noch, dass ich meinen Zwangsrundfunkbeitrag durch eine 5€ Aufstockung verfreiwilligen kann, womit die Kinder notleidender Schlagersänger oder Sängerinnen unterstützt werden. Schockartig öffnen sich vor meinen Augen plötzlich Traumwelten ungeahnter Sponsorenmöglichkeiten. Und ich als Sponsor stehe mittendrin.

Im Bus könnte ich mein RMV-Ticket aufrunden, damit die Kinder von geringverdienenden Busfahrern unterstützt werden. Zusammen mit dem Geld vom Kimark können die jetzt vielleicht sogar schon auf das neueste Smartphone von Säppl sparen. Logisch, dass sich der passende Handyvertrag auch aufstocken lässt. Mit dem Geld werden arme Jugendliche unterstützt, deren Eltern mit Mindestlohn unter die Armutsgrenze fallen. Die Firma Säppl übrigens verdient eine Menge Kohle, zahlt aber leider in Deutschland fast keine Unternehmenssteuern. Genauso wie der Kaffeeladen Starfuck.

Dafür gehen die für jeden Becher Starfuck-Kaffee freiwillig zu entrichtenden Spenden an die Familien notleidender Kaffeepflücker. Zehn Cent von jeder Zeitung an die Kinder armer Journalisten und von jeder Flasche Waidmannsmeister sogar 50 Cent direkt an die Anonymen Alkoholiker. Freiwillig fünf Euro mehr beim Bußgeld für den Strafzettel, damit Polizisten in Frankfurt einen Mietzuschuss erhalten können. Da macht es endlich auch wieder richtig Spaß, durch die Tempo-30-Zone zu heizen. Man tut ja nur Gutes damit. 

Jedes Flugticket ab Frankfurt kann mit einer freiwilligen Leistung von nur 10€ an die Fraport helfen, Schallschutzfenster für diejenigen zu finanzieren, die leider zu Hause bleiben müssen. Gleichzeitig wird das Gewissen der Fluggäste entlastet, so dass es – für weitere fünf Euro - ins Handgepäck passt. Bei BrianAir im Flugzeug kriegt man den Becher Wasser für zwei Euro statt für vier, wenn man freiwillig zusätzlich drei Euro für die Kinder übel entlohnter Flugzeugpiloten spendet. Und mit nur einem einzigen Cent mehr pro Liter an der Tankstelle könnten Vorsorgeuntersuchungen für Schulkinder bezahlt werden, vor deren Schule die Grenzwerte der Schadstoffe in der Luft überschritten sind.

Wow. Endlich kann ich mit meinem Geld unendlich viel Gutes tun. Jedenfalls mit dem Geld, das mir nach Abzug von Steuern, Sozialabgaben, Miete und Versicherungen übrig bleibt. Ich habs mal durchgerechnet. Irgend etwas ist komisch an diesem Geschäftsmodell. Aber ich bin noch nicht draufgekommen, was.


Mit nachdenklichen Grüßen
Helmut Seuffert


 

 

 

“...Warum eigentlich sind diese Kinder von Armut betroffen? Vielleicht auch deshalb, weil Mama an der Kasse vom Alretto nicht genug verdient? ....”