..Haben Sie denn eine Ahnung, wieviele
Menschen ich jeden Tag
am Telefon habe,
die genauso wie Sie Antwort
aus einem völlig überlasteten Finanzamt
erwarten...?

 
 

Das Klagelied des Finanzbeamten.

Gut, ich gebe zu, ich war doch sehr ungeduldig. Der Umsatz meines kleinen Unternehmens war wegen den Coronabeschränkungen auf einen mikroskopisch kleinen Betrag gefallen, also hatte ich drei Tage vor Weihnachten 2020 beim Finanzamt meines Vertrauens beantragt, dass ich die Umsatzsteuervoranmeldung nicht mehr quartalsweise sondern nur noch einmal im Jahr abgeben dürfe. Ein Standardvorgang. So dachte ich. Wegen den Mini-Beträgen lohnt sich nicht mal das Druckerpapier fürs Formular. Postwendend kam die Antwort. Mein Antrag war eingegangen und ich solle mich ein paar Tage gedulden. Beglückt begann ich sofort unseren Weihnachtsbaum zu schmücken und vorher noch das Abo für die Buchhaltungssoftware zu kündigen. Wofür sollte ich 250 Euronen im Jahr ausgeben, wenn es nur noch eine Handvoll Buchungen zum Buchen gäbe und gleichzeitig die Bazooka des Bundesfinanzminister permanent in die falsche Richtung zielt und bei mir nichts ankommt. Also: Kosten reduzieren, koste es, was es wolle. 

Knapp sieben Wochen später war immer noch kein offizieller Bescheid auf meinen Antrag da, als in der Tageszeitung eine Anzeige der hessischen Finanzämter erschien: „Warum nicht Probleme sofort am Telefon lösen?“. Coole Idee. Die Telefonproblemlösungsnummer war schnell gewählt. Der sehr freundliche Mitarbeiter des eigentlich eher ungeliebten Amtes hatte den Grund für den ausbleibenden Bescheid in knappen sechs Minuten und 45 Sekunden ermittelt. In der Abteilung sei ein Mitarbeiter wieder eingegliedert worden und dabei wäre mein Antrag leider untergegangen. Wahrscheinlich so wie Flüchtlinge im Mittelmeer. Nur in meinem Falle war wenigstens noch etwas zu retten. Der Bescheid konnte immer noch in den nächsten Tagen ausgestellt werden.

Weitere sieben Wochen später, der Weihnachtsbaum war inzwischen wieder abdekoriert und dafür die Osternester im Garten versteckt, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen, und wählte mit zitternden Fingern wieder die Nummer des Finanzamts meines Vertrauens. Nach einer kurzen Wartezeit von zwanzig Minuten konnte ich wieder einem freundlichen Vertreter der Finanzbeamtenzunft mein Leid klagen und bat höflich um Auskunft, bis wann ich denn mit einer Antwort auf meinen Antrag vom Dezember rechnen könnte. „Warum blöken Sie mich eigentlich an? Haben Sie denn eine Ahnung, wieviele Menschen ich jeden Tag am Telefon habe, die genauso wie Sie Antwort aus einem völlig überlasteten Finanzamt erwarten? Mehr als fast rund um die Uhr arbeiten können Beamt*innen auch beim Finanzamt nicht und ich solle mich doch bitte mal bei meinen Bundestagsabgeordneten beschweren. Die hohe Politik sei nämlich daran schuld, dass es in der Finanzverwaltung viel zu wenige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gäbe und gleichzeitig die Zahl der Erlasse und Aufgaben täglich unaufhaltsam wachsen wie der Löwenzahn im Frühling, während gleichzeitig die finanziellen Mittel zusammengestrichen werden.

Ohmeingott, was hatte ich nur angerichtet. Mit dem aufrichtigsten Bedauern und größtmöglichem Mitleid rang ich nach einfühlsamen Worten der Entschuldigung für meine aufdringliche Ungeduld und meine nervtötenden Anrufe, die einen Finanzbeamten von der Lösung wirklich wichtiger Probleme der Welt abhielt. Unter Tränen erbat ich eine Spendenkontonummer und versprach eine solidarische, finanzielle Unterstützung für die bislang nie gewürdigten Coronahelden in den Finanzämtern. Jedenfalls, sobald ich irgendwann selbst wieder flüssig wäre.

Und jetzt? Ich traue mich gar nicht, mit meinem kleinen Problemchen den Bundestagsabgeordneten auf den Zeiger zu gehen. Die haben bestimmt alle Hände voll mit der Beschaffung von Masken, Selbsttests und Impfstoffen zu tun. Da haben für Umsatzsteuervoranmeldung gewiss gar keine Zeit. Ich warte einfach ab. Und wenn die Finanzcoronahelden mir die Säumnisgebühr für die ausbleibende Anmeldung in Rechnung stellen - ich zahle sie gerne. Schließlich bin ich selbst schuld an meiner Misere. Ich hätte den Antrag schließlich rechtzeitig schon im Mai 2020 stellen können



Mit nachdenklichen Grüßen


Ihr Helmut Seuffert.


 

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