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Scheinkorrelationen

Ist das gerecht? Je größer die Schuhe, desto mehr verdient der, der sie trägt? Nein, kein Witz, sondern statistisch eindeutig belegt: Es besteht tatsächlich ein Zusammenhang zwischen der Schuhgröße und dem Einkommen. Bestätigt wird dies sogar in der beliebten Redewendung „Auf großem Fuß leben“. Und das funktioniert in England genauso („live big feet“) wie in

Frankreich („vivre de grands pieds“),
Spanien („vivir pies grandes“),
Portugal („pés grandes vivos“),
Italien („vivere grandi piedi“),
Polen ("żyć dużymi stopami“)    .
Russland („жить большими ногами“)

Das erklärt natürlich auch, weshalb Frauen weniger verdienen als Männer. Frauen haben im Durchschnitt kleinere Füße. Spätestens jetzt müssten Sie aber misstrauisch werden. Denn Sie sind bei etwas gesundem Menschenverstand auf der richtigen Fährte, egal ob mit kleinen, großen oder auch gar keinen Schuhen. Der Zusammenhang zwischen Einkommen und Schuhgröße ist das, was der Statistiker eine Scheinkorrelation nennt. Also ein Zusammenhang, der eigentlich gar nicht wirklich existiert. Denn Kinder mit kleinen Schuhen verdienen durchschnittlich so gut wie gar nichts. Ausgewachsene Exemplare der Gattung Mensch mit einer Schuhgröße von über 36 haben normal einen Job und verdienen auf jeden Fall durchschnittlich deutlich mehr. Scheinkorrelation ist also das Zauberwort. Merken Sie sich das gut. Solche Wörter, gelegentlich in ein Gespräch eingeflochten, können Ihr Ansehen deutlich aufpolieren. („Je mehr Fremdwörter jemand benutzt, desto höher ist sein Intelligenzquotient“). Möglicherweise werden Ihnen jedoch in Zukunft gelegentlich Scheinkorrelationen auffallen, die sie bis jetzt einfach übersehen hatten.

In den Corona-Diskussionen der letzten Tage ist ein Wort plötzlich in der Beliebtheitsskala erheblich gestiegen: „Mobilität“. Zuletzt hatte RKI-Chef Lothar Wieler am 14. Januar ins Pressekonferenzmikrofon verkündet: „Die Mobilität ist immer noch zu groß“ und er hatte darauf verwiesen, dass laut Experte Brockmann an den Sonntagen im Dezember – wo grundsätzlich einkaufen nicht möglich ist und kaum jemand arbeiten muss – gezeigt, dass die Menschen viel häufiger unterwegs gewesen seien, als im Frühjahr.

Von dieser Aussage war ich zunächst überrascht und extrem verwirrt. Ich war immer davon ausgegangen, Corona wäre das Problem. Nun redet der Wieler von Mobilität. Dazu tun sich noch viel mehr Fragen auf. Wie hat Experte B das denn gemessen? Und wie wurde das im Frühjahr gemessen?

Tatsächlich hilft uns das Statistische Bundesamt weiter. Dort wurde die Veränderung der täglichen Mobilität während der Corona-Krise ermittelt und aufgezeigt. Ein Effekt scheint deutlich: Je mehr Betriebe und Einrichtungen durch Lockdown eingeschränkt, ins HomeOffice geschickt oder geschlossen werden, desto stärker sinkt die Mobilität. Irgendwie ist das verständlich. Wer nicht mehr zur Arbeitsstelle fahren muss, fährt eben nicht. Werden nun diese Mobilitätsdaten abgeglichen mit den Zahlen der Corona-Infizierten drängt sich dagegen kein sichtbarer Effekt auf. Logisch wäre lediglich, dass Menschen, die an Corona schwer erkranken, sich wohl nicht mehr im Auto, auf dem Fahrrad oder im Bus auf Reisen begeben.

Aufgrund welcher Daten nimmt denn nun der oberste Corona Experte Wieler an, dass die Anzahl der Infektionen dadurch verringert werden kann, indem die Mobilität eingeschränkt wird? Ich fürchte, wir werden das nie erfahren.

Aber passen Sie gut auf. Wenn der RKI-Chef in der nächsten Woche vielleicht erzählt, dass das RKI einen Zusammenhang zwischen Schuhgröße und Corona-Infektionen nachgewiesen hat, dann sollten Sie sich erinnern. Na, wie hieß das Zauberwort gleich wieder?



Mit nachdenklichen Grüßen


Ihr Helmut Seuffert.



 

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